Anabole androgene Steroide, kurz AAS, sind das männliche Sexualhormon Testosteron, seine künstlichen Abwandlungen und einige Vorstufen. Hier stehen sie nach Grundsubstanz geordnet, mit Handelsnamen und pharmakologischen Eigenschaften. Jeder Eintrag trägt seine Evidenzstufe. Die bekannten Kennzahlen stehen mit drin – aber nicht als das, wofür sie im Netz ausgegeben werden.
Dies ist eine Stoffkunde: Welche Verbindungen gibt es, wie heißen sie im Handel, was ist über ihre Eigenschaften belegt und was nicht. Sie dient dazu, Gespräche einordnen zu können, in denen diese Namen fallen – und zu erkennen, wo die kursierenden Zahlen keinen Boden haben.
Jede Steroidtabelle im Netz führt Zahlen wie „Trenbolon 500/500“ oder „Anavar 322/24“. Die erste Zahl soll die aufbauende, die zweite die vermännlichende Wirkung messen. Sie sehen aus wie Messergebnisse. Sie sind keine. Sie stammen fast alle aus einem einzigen Nachschlagewerk und einem einzigen Testverfahren an Ratten – und beides trägt die Last nicht, die ihnen aufgeladen wird.
Kastrierten Jungratten wird sieben Tage lang die Substanz gegeben. Dann werden zwei Organe gewogen: ein kleiner Muskel am Beckenboden, der Musculus levator ani, als Maß für die anabole, also aufbauende Wirkung, und die ventrale Prostata, ein Teil der Vorsteherdrüse, für die androgene, also vermännlichende. Das Verhältnis ergibt die Kennzahl.2
Der Großteil der kursierenden Werte stammt aus einem Nachschlagewerk von 1969, das rund 650 Verbindungen zusammentrug – aus Studien verschiedener Labore mit verschiedenen Protokollen.4 Das Verfahren wurde nie formal standardisiert.1
Der Levator ani ist kaum repräsentativ für normale Skelettmuskulatur. Er trägt den Namen zu Unrecht, hebt den Anus nicht, existiert nur bei männlichen Ratten und ist nur bei der Begattung aktiv. Als Fortpflanzungsmuskel hat er um ein Vielfaches mehr Androgenrezeptoren – Andockstellen für männliche Hormone – als normale Skelettmuskulatur.1
Dass er als Maß für Muskelaufbau untauglich ist, wurde bereits 1957 veröffentlicht – vier Jahre nach Einführung des Verfahrens.3 Benutzt wird er trotzdem bis heute.
Die Rattenprostata wächst dosisabhängig unter Androgenen. Die menschliche tut das nicht: Unter sehr hohen Testosterongaben über 20 Wochen, einem Vielfachen einer Ersatztherapie, blieb das Prostatavolumen in einer Studie unverändert.5
Es gibt zudem keinen empirischen Beleg dafür, dass die Größenänderung eines Rattenorgans überhaupt abbildet, was am Menschen als unerwünschte androgene Wirkung auffällt.1
Was bleibt davon brauchbar? Die grobe Rangfolge innerhalb einer Stoffgruppe und die Aussage „diese Verbindung wirkt überhaupt androgen“. Was nicht bleibt: jede Aussage der Form „Substanz X ist dreimal so anabol wie Testosteron“. Hunderte, womöglich tausende Verbindungen zeigten in diesem Test günstige Verhältnisse – keine einzige erwies sich am Menschen als frei von vermännlichender Wirkung.1 Das ist der empirische Gegenbeweis zum Verfahren, geliefert vom Verfahren selbst.
Jede Zeile der Matrix trägt eine Stufe. Sie sagt nicht, ob die Aussage stimmt – sie sagt, worauf sie sich stützt.
Klick auf eine Zeile öffnet die Einzelheiten: Handelsnamen, Wirkmechanismus, Quellenlage. Ester – angehängte Seitenketten, die vor allem bestimmen, wie schnell der Stoff aus dem Depot freigesetzt wird – ändern die Kennzahlen nicht. Alle Ester einer Grundsubstanz stehen deshalb in einer Zeile. Manche Wirkstoffe gibt es zum Spritzen und zum Schlucken; sie stehen dann in beiden Reitern.
So liest Du die Spalten: Anabolik und Androgenik sind die Kennzahlen aus Kapitel 02; ein ~ davor heißt ungefähr, ein — heißt, es gibt keine Kennzahl. Aromatisierung heißt, der Körper wandelt den Stoff teilweise in Östrogen um. Progestogen heißt, er wirkt zusätzlich wie das Gelbkörperhormon Progesteron. Wasser steht für Wassereinlagerung, von +++ (stark) über ++ und + bis ~ (kaum) und – (keine); Leber für die Leberbelastung.
Die Spalte Evidenz gilt für den ganzen Eintrag. Die Kennzahlen selbst stammen immer aus dem Rattentest, also aus Tierdaten, auch wo daneben ein H steht. Und eine gute Datenlage heißt nur, dass die Angaben untersucht sind – nicht, dass der Stoff harmlos wäre.
| Wirkstoff · Handel | Anab. | Andr. | Aromatisierung | Wasser | Leber | Prog. | Evidenz |
|---|
In Foren gilt Nandrolon oft als beste Substanz für Sehnen, Bänder und Gelenke. Belegt ist das nicht, und die Tierdaten zeigen eher das Gegenteil. Deshalb bewertet diese Matrix die Stoffe nicht nach ihrer Wirkung auf das Bindegewebe.
Unter anabolen Steroiden werden Rattensehnen steifer: Sie nehmen weniger Energie auf und reißen bei geringerer Dehnung. Die reine Reißkraft bleibt unverändert. Nach dem Absetzen bildet sich der Effekt zurück.9
Für Nandrolon-Decanoat speziell gilt: Die Sehnen werden weniger nachgiebig – und Training verstärkt diesen Effekt, statt ihn auszugleichen.7 Eine zweite Arbeitsgruppe formuliert es schärfer: Nandrolon kehrt den günstigen Trainingseffekt auf die Mechanik der Sehne um.
Zur Kollagenbildung selbst: Unter Steroidgabe sank bei Ratten die Aktivität eines Schlüsselenzyms der Kollagenbildung, im Muskel vorübergehend, in der Achillessehne bei hoher Dosis. Also eher weniger Kollagenaufbau, nicht mehr.8
In künstlich gezüchteten menschlichen Sehnen verbesserten Nandrolon und mechanische Last gemeinsam den Umbau des Gewebes und seine mechanischen Eigenschaften. Das ist das Gegenteil des Rattenbefunds.
Die große systematische Übersicht von 2018 fand 18 sehr unterschiedliche Studien, fast alle an Kleintieren, mit häufig widersprüchlichen Ergebnissen. Ob anabole Steroide Sehnen rissanfälliger machen, ist danach ungeklärt. Feste Schlüsse lässt die Datenlage in keine Richtung zu.6
Und: Zur Wirkung auf Sehnenbeschwerden beim Menschen gibt es bis heute keine Studie.
Diese vier Angaben kursieren in Foren. Keine davon ist so belegt, wie sie dort steht.
Hier stehen die Arbeiten, auf die sich die Kapitel stützen, nach Thema. DOI und PMID sind Kennnummern, unter denen Du jede Studie im Netz findest. Die Detailansicht der Matrix nennt bei jedem Eintrag seine Quelle, auch Zulassungsunterlagen und Arbeiten, die hier nicht eigens aufgeführt sind. Wo keine Quelle zu finden war, steht in der Matrix die Stufe S.